Analyse nach EU-Wahl: Ältere entscheiden Wahlen – aus: „Nürnberger Nachrichten“ vom 09.06.2009

 

Über 60-Jährige dominieren – Grüne mobilisieren am besten.    

Noch in der Nacht der Europawahl hat das Amt für Stadtforschung und Statistik die Ergebnisse analysiert. Herausgekommen sind wichtige Aussagen über das Verhalten der Wähler in Bezug auf die jeweiligen Parteien. Wolf Schäfer, der Leiter der Behörde, und seine Kollegin Barbara Lux-Henseler stellten das Material vor. Das gesamte sogenannte «Nachtheft« steht unter http://www.wahlen.nuernberg.de im Internet.

Endergebnis und Wahlbeteiligung: 

Von den 345854 wahlberechtigten Nürnbergern gaben nur 138855 ihre Stimme ab. Das sind 40,1 Prozent. Das ist in der Stadt ein historischer Tiefststand. Die CSU erreichte davon 34,4%, die SPD 20,8%, die Grünen 15,4%, die FDP 9,4%, Die Linke 4,5%, die Freien Wähler 5,8%. Unter den 25 sonstigen Parteien und Gruppierungen ragen die ödp mit 1,6%, die Republikaner mit 1,4%, Die Tierschutzpartei und die Piraten mit je einem Prozent heraus. Ein Drittel aller Wahlberechtigten ist bereits älter als 60 Jahre. Sie gehen auch fleißig an die Urnen, so dass die über 60-Jährigen schon über 42 Prozent aller Wählerinnen und Wähler stellen. 

Mobilisierung der Wähler: 

Die Parteien können sich immer weniger auf sogenannte Stammwähler verlassen. Um die Mobilisierung zu messen, haben die Statistiker die Wahl mit der höchsten Beteiligung der letzten Jahre, nämlich die Bundestagswahl 2005, als Anhaltspunkt genommen. Gleichzeitig sind sie davon ausgegangen, dass die Parteien damals ihre jeweiligen Anhänger am besten dazu bewegen konnten, ihre Stimme abzugeben. Ohne Wählerwanderungen zu berücksichtigen, die es sicher gab, zeigen sich große Unterschiede. Bei der Europawahl am Sonntag konnte in Nürnberg die CSU ihr auf diese Weise bestimmtes Wählerpotenzial noch zu 50% ausschöpfen, die SPD nur noch zu 33%, die Grünen dagegen zu 83,5% und die FDP immerhin noch zu 63%. Grüne und FDP erzielten diesmal sogar ein besseren Ergebnis als bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr. Der Mobilisierungsgrad bei der Partei Die Linke liegt bei 48%. Das bedeutet, dass bei den Anhängern der Grünen die mit Abstand größte Wahl-Disziplin vorherrschte. 

Rolle von Alter und Geschlecht: 

Nach Erhebungen des Statistik-Amtes hat die CSU zwar erhebliche Stimmenanteile verloren, die Partei liegt aber noch in allen Altersgruppen vor der SPD. Die Genossen verdanken ihr schlechtes Abschneiden in erster Linie dem Stimmenverlust bei Männern. Frauen finden diese Partei noch attraktiver. Nur bei den Jungwählern unter 25 Jahren hat die SPD leicht zulegen können. Die CSU hat besonders bei den über 60-jährigen Männern Einbußen erlitten. 

Grüne kommen in die Jahre

Die Wählerschaft der Grünen kommt auch langsam in die Jahre. Sie haben bei beiden Geschlechtern im Alter unter 45 Jahren verloren, aber zugelegt in den höheren Altersgruppen. Bei der EU-Wahl vor fünf Jahren schaffte die Öko-Partei ihr bestes Ergebnis in der Gruppe der 25- bis 35-Jährigen, diesmal in der Gruppe der 35- bis 45-Jährigen. Die Liberalen haben am Sonntag offensichtlich mehr die jüngeren Wähler angesprochen. Sie fanden den größten Rückhalt mit 13% bis 16% bei Männern und Frauen, die zwischen 25 und 35 Jahre alt sind. 

Bedeutung der sozialen Lage: 

Interessant sind die Wahlergebnisse, wenn man sie getrennt nach den Lebensverhältnissen betrachtet. Die Forscher haben dazu sechs verschiedene sogenannte Sozialraumtypen entwickelt. Sie reichen von «Singlehaushalten« über «kinderreiche Großhaushalte, ökonomisch sehr belastet« bis zu «jungen Familien, kaum ökonomisch belastet«. 

Die mit Abstand niedrigste Wahlbeteiligung, nämlich unter 31 Prozent, gab es in Stadtgebieten mit großen wirtschaftlichen Problemen und einer dichten Bebauung. Die Grünen erreichen Spitzenergebnisse in Innenstadtgebieten mit vielen Single-Haushalten und kurzer Wohndauer. Hier überflügeln sie sogar die SPD, deren Anteil insgesamt nur wenig variiert. Auch die FDP schneidet in diesen Stadtregionen noch besser ab als in den übrigen Teilen Nürnbergs. Die CSU liegt hier weit unter ihrem stadtweiten Ergebnis. Das gilt auch für die ökonomisch besonders stark belasteten Stadtteile. In Gebieten am Rand der Stadt mit einer ländlichen Struktur, in denen Familien längere Zeit leben, ist die Wahlbeteiligung überdurchschnittlich hoch (47,8%). Und hier erreichen sowohl CSU als auch Freie Wähler ihre besten Ergebnisse. 

Die Hochburgen der Parteien: 

Als Hochburgen gelten Wahlbezirke, in denen die jeweiligen Parteien bei den Bundestagswahlen 2002 und 2005 außerordentlich erfolgreich waren. Extrem niedrig mit 35,6% war die Wahlbeteiligung zum Beispiel in den SPD-Hochburgen, wo die Sozis sogar noch geringfügig mehr verloren als woanders. Dort, wo die FPD überdurchschnittlich viele Stimmen bekommt, lag sie bei hohen 45,7%. Die CSU erlitt im Vergleich zur Europawahl 2004 quer durch alle Stadtteile hohe Verluste von etwa zehn Prozent. Die Gewinne der Freien Wähler verteilen sich gleichmäßig. Die Grünen bekam in ihren Hochburgen fast ein Viertel der Stimmen.

Quelle: Nürnberg Nachrichten, Michael Kasperowitsch, 9.6.2009